»Die Sprache so lange schütteln, bis sie zerbricht«

 

JAMES WORSE – So throon in pollitation:
Vom surrealen Wirbeln in der Tiefenstruktur der Sprache und seiner Be-Stimmung

Text, Interview und Übersetzung: Martyn Schmidt

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Photography by Chris de Coulon Berthoud

James Worse (Großbritannien / Australien, * 1970) ist Spoken Word Performer und Vokal- und Percussion-Improvisator. Seine »Worsicles« wurden ebenso von Jarvis Cocker (Pulp) in dessen Radiosendung Sunday Service auf BBC Radio 6 Music gespielt wie sie auch schon auf dem Rochester Literature Festival zu hören waren. Worse unterstützte die Avantgarde-Band Nurse with Wound live und auf Tonträger mit Worsicle-Performances.

Das Wire Magazin, The Guardian, The Independent und Radio Resonance FM widmeten sich Worses Arbeiten. Seine Worsicles fanden auch ihren Weg in die Channel 4 News, wo er einen Politiker als spottigen Pulmenkrug und, natürlich, als vergossten Sauberzwack bezeichnete. James Worse ist Gründungsmitglied des Klangarbeiter-Kollektivs Hand of Stabs, welches orts- und raumbezogene Arbeiten an ungewöhnlichen Plätzen umsetzt, wie zum Beispiel an einer Grabstätte aus dem Bronze-Zeitalter, auf einem außer Betrieb gesetzten Feuerschiff oder in einer baufälligen Schießpulverfabrik.

»What yust for so thimblequim,
so throon in pollitation?«

Worse, der »Meister des surrealen Spoken Word«, wirbelt wie ein mystischer Vokal-Derwisch durch die Tiefenstruktur der (englischen) Sprache. Seine Worsicles, wie er seine hochmusikalische Lautsprache nennt, performt er als Meister der Stimme mit einer dynamischen Vortragskunst zwischen Shakesspear’scher Tiefe und dadaistischer Eleganz.

Jedes Worsicle ein britisches Wort, dass es so nicht gibt. Jedes Worsicle ein Vehicle der Klanglinguistik, jeder Worse-Verse eine Freud’sche etymologische Sprachbohrung, bei der Chomsky und Tolkien einander die Hand geben. Ähnlich Lewis Carrolls »Jabberwocky« ist Worses Sprache idiosynkratisch und verspielt, gleichzeitig aber auf subtile Art von verstörender Tiefe und dramatischer, performativer Sinnlichkeit.

Auch wenn James Worse keine Lyrik schreibt, so ist seine proklamierende Prosa doch reine Lautpoesie, vibrierende Soundpoetry. Worse performt Klang, Rhythmus und englische UnSinnFlut. Das Hörerlebnis ist ein Sprachen-Fracking durch Stimmbohrung in Zungenwindung, ein britisches Zungenreden in surrealer, präziser, sinnreicher Absurdität.

Sein Album »Testuary to Lulluba« (atemwerft, 2017) zeigt James Worse als zaubermächtigen Druiden im archaischen Zeichenwald der Sprache, als Skalden der Semiotik, als mitreißenden Erzähler von Märchen und Geschichten aus reinem Sprachklang. Fünf Tracks und ein Bonus-Stück lang ist Worse ein Wortschamane, der in magischem Stimmen-Singsang unbekannte Mythen beschwört, nach Sprache ruft und gräbt und beides – den Mythos und dessen Rede – in freifließenden, reichen Sprachgebärden findet.

Anhören / Streaming: »Fillibous Nightcrakes« vom Album »Testuary to Lulluba« (atemwerft 2017):

 

    »Ich möchte Freude daran haben, wie sich die Worte anfühlen, wenn sie meinen Mund verlassen – es muss sich auf meiner Zunge gut anfühlen.«

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Wann und warum hast du mit den Worsicles begonnen? Was verbirgt sich hinter dem Begriff?

Ich habe automatisch schon immer geschrieben, ich trage stets ein Notizbuch bei mir, fast schon seit 30 Jahren. Aber erst seit der Geburt meiner Zwillingsjungs vor sechs Jahren habe ich angefangen, laut einem anderen Menschen vorzulesen. Das war eine wundervolle Erfahrung – und die Beiden waren eine Hörerschaft, die sich nicht groß dagegen wehren konnte. Ich habe ihnen meine Lieblingsdichter vorgelesen – Baudelaire, Rimbaud, Kerouac, Ginsberg – und bald festgestellt, dass ihnen das Freude machte, auch wenn sie ganz klar nichts verstanden. Sie reagierten einfach auf die Art und Weise, wie ich las. Es war der Klang meiner Stimme, meine Art der Darbietung, was ihnen wirklich gefiel.

Es war völlig irrelevant, ob die Worte irgendeine Bedeutung hatten, die grundsätzlich menschliche Reaktion auf Stimme war einfach da. Ich merkte, dass man einen Hörer allein mit Klängen der Stimme für sich einnehmen kann. Die Sprachentwicklung meiner Söhne zu beobachten war wie eine Parallele zu meinem Schreiben. Sie sind um einiges erfinderischer wie ich je hoffen könnte, es selber zu sein!

Was sich hinter dem Begriff »Worsicles« verbirgt: Da ist keine Absicht, es ist einfach ein Begriff für all jenes, aus dem sich meine Arbeit zusammensetzt. Ich denke, »Worse« ist lautlich recht nah am englischen »Verse« (dt. Vers), also gibt es hier, aber nur in einer flappsigen Art, diese Andeutungsebene.

 

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Foto: Sara Norling

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Entstehen die Worsicles eher als Wort-Ideen oder eher als Klangbauten? Wie wichtig ist die Klangebene der Worsicles?

Ihr Klang ist ganzheitlich – ich komponiere sie in Balance, Dissonanz, Farbe. Genauso aber möchte ich Freude daran haben, wie sich die Worte anfühlen, wenn sie meinen Mund verlassen – es muss sich auf meiner Zunge gut anfühlen. Jegliche Worsicles, die mir zwar einfallen, die aber nicht singen, wenn sie gesprochen werden, sortiere ich aus.

 

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Die stimmliche Performance der Worsicles ist also offenbar wichtig. Was bedeutet das Phänomen Stimme für dich?

Die Worsicles müssen performt werden, genau auf das hin sind sie angelegt. Ich mag es, meine Worsicles in gedruckte Form zu bringen, aber nur für mein eigenes Vergnügen. Ich habe immer darauf bestanden, dass ich mein Epos »Flark of the Dandibus« niemals veröffentlichen werde. Jedes aufgeschriebene Worsicle fliesst in »Flark« ein, mittlerweile sind das annähernd 630 Seiten. All dem ist sehr stark zugedacht, als Performance oder Klangaufnahme umgesetzt zu werden.

Das gesprochene Wort nimmt, finde ich, einen ein wenig auf eine Reise mit, es funktioniert ein bisschen wie ein Zauberspruch – man verlässt die Alltagswelt und reist woanders hin, zu einem Ort, der mythisch ist und voller Möglichkeiten. Als kleiner Junge habe ich im Kinder-Fernsehen Erzählungen wie »Bagpuss«, »Ivor the Engine«, »Noggin the Nog« und »The Pogles« geliebt. Die Erzählerstimme in all diesen Filmen ist von Oliver Postgate, die Serien wurden in den späten 60ern und frühen 70ern produziert, nicht weit entfernt von Kent, wo ich aufgewachsen bin. Postgates Stimme war einfach unglaublich, hypnotisch und mitreißend – in meinen allerersten Aufnahmen habe ich ziemlich versucht, mit einer Postgate-igen Stimme zu sprechen. Seine Stimme war beruhigend und doch spielten die Geschichten manchmal an finsteren Orten.

Der Erzähler einer Geschichte ist in der Regel die vertrauenswürdige Figur, man schenkt ihr Glauben und sie eröffnet einen eine Welt, die man zuvor noch nicht gesehen hat. Ich interessiere mich sehr für Sagen und die wiederkehrenden Muster und Tropen [stilistische Erzählformen], die man weltweit in allen Kulturen finden kann. Ich denke, sie zeigen uns, wie man sein Leben führen soll.

»Sprache ist gefährlich, sie ist unzulänglich, aber auch störrisch schön.«

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Mit dem Linguisten Noam Chomsky gesprochen, bilden die Worsicles zwar eine feste Oberflächenstruktur – die allerdings nur scheinbar keine Bedeutung trägt. Gleichzeitig wäre es falsch, zu sagen, es gebe keine Tiefenstruktur, gar keine lexikalische Bedeutung. Ich denke, du spielst mit dieser Tiefenstruktur. Sie wird aufgesplittert, bildet sich aus Assoziation, Klang, Assonanz. Ist das ein Schlüssel zu deinem Worsicle-Arbeiten?

Das trifft es genau. Auf eine bestimmte Art bin ich an die Funktionsweise meiner eigenen Sprache gebunden. Ich kann dem nur entgehen, indem ich sie auf Klangenergie reduziere, dabei abhängig von meiner Lungenkapazität. Struktur ist essentiell bei dem was, ich tue. Es ist in strukturierter Form, wie die Worte aus meinem Unbewussten kommen.


James Worse live @ Eastgate House in Rochester, Kent, während der Garden Poetry Party,  Sonntag, 22. Juli 2012 // Aufnahme von Glenn Prangnell:

 

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Siehst du irgendwelche Ähnlichkeit mit Phänomenen wie zum Beispiel dem Zungenreden? Oder gar sakrale Implikationen?

Es gibt halt wirklich zwei Arten, in denen ich mit der Stimme performe – die Worsicles, die (auch, wenn sie aus dem Unterbewussten kommen) in einer sehr exakten und kontrollierten Weise entstehen, und meine stimmlichen Improvisationen (die meinen Kehlkopf sprich-wörtlich neue Dinge tun lassen).

Meine Stimmimprovisationen entstanden erst später, ich habe um einige Zeit mehr gebraucht, bis ich mich getraut habe, diese vor Publikum zu performen. Ich habe ein oder zwei Jahre damit verbracht, mit viel »Uhh!«-en und »Ahh!«-en herauszufinden, wie ich meine Stimme öffnen und aus dem geschriebenen Wort heraus nehmen kann. Letztlich war es aber erst vor Kurzem, dass ich mich dies vor Publikum getraut habe. Jetzt weiß ich, dass ich es kann.

Ob ich nun mit der Stimme improvisiere oder mit Schlagwerk und Instrumenten – ich empfinde bei Beidem das selbe Gefühl des Loslassens und Freigebens. Zum einen ist da diese physische Freisetzung, der Energieausstoß, zum anderen aber ist da auch dieser zerebrale Aspekt – man ist zugleich extrem fokussiert, erlaubt sich aber auch, sich intuitiv zu verhalten. Ich denke, diesbezüglich könnte es hier eine Verbindung zur Zungenrede oder Ähnlichem geben – während dieser Situation gibt es ein echtes Gefühl der Transzendenz, das einen erregt und erschöpft.

 

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Würdest du das, was du machst, als Poesie beschreiben? Oder vielleicht eher als eine Art Lautpoesie?

Mit der Bezeichnung Poesie fühle ich mich echt nicht wohl, auch nicht mit dem Begriff Lautpoesie. Heutzutage nennt sich jeder Poet. Ich habe das, was ich mache, noch nie als Dichtung bezeichnet, außer wenn ich bei Veranstaltungen auftrat, die mit dem Wort „Poetry“ im Namen warben. Für mich ist ein Poet jemand, der ein heldenhaftes Leben führt und eine Welt erschließt, die es vorher noch nicht gab. Kann gut sein, dass ich nach so was trachte, aber ich denke, die Geschichte sollte entscheiden, wer Dichter ist und wer nicht.

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Photography by Helen Frosi

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Denkst du, es gibt bei dir irgendwelche Verbindungen zu Lautpoeten wie Kurt Schwitters, Hugo Ball oder Bob Cobbing? Ein Verwandtschaft zu Dada? Oder zu den Surrealisten?

Ich glaube, es ist da zu viel erzählerischer Faden in dem, was ich mache, als dass man es Lautpoesie nennen könnte. Ich bin ein großer Bewunderer der Dadaisten und der Surrealisten, auch wenn ich mir im Klaren darüber bin, dass wir diese heute wirklich nur durch das Prisma der Museumsvitrine erfahren können. Ich habe das Gefühl, dass ich jene ihre Dringlichkeit teile, die Sprache so lange zu schütteln, bis sie zerbricht.

Sprache hat die Menschheit Bankrott geführt, Sprache ist grausam und ohne Mitgefühl. Sie diktiert uns unser Denken, unsere Vorurteile, unsere Träume. Wir werden danach gerichtet, wie wir unsere Sprache verwenden, man tötet uns dafür, die falsche Sprache am falschen Ort zu sprechen, man tötet uns fürs Anderssprechen. Sprache ist gefährlich, sie ist unzulänglich, aber auch störrisch schön.

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Wenn du im Allgemeinen so intensiv mit Worsicles arbeitest – gibt es in deiner Alltagskommunikation ein Anwachsen von (vielleicht inspirierenden) Verhörern / mondegreens?

Das passiert ziemlich oft. Auch Dinge, die meine Kinder sagen, schreibe ich auf und verwende sie in meiner Arbeit!

◊ Auszug aus einem ausführlichen atemwerft-Interview. Das Gespräch zwischen James Worse und Martyn Schmidt fand statt im Februar 2017. © atemwerft 2017 / aw 008


»Testuary to Lulluba« erscheint als CDr und als Digital-Album auf atemwerft mit Download-Paket inklusive ausdruckbarem CD-Artwork für Jewelcase und obigem Interview mit James Worse (deutsch / englisch, pdf).

Die CDr-Veröffentlichung ist limitiert auf 99 nummerierte Exemplare, die ersten 33 Exemplare sind von James Worse signiert. Jede CDr ist handgestempelt & handnummeriert und kommt im Origami-Cover mit Siegel und einem handgemachten Folder (weißes 246gr-Leinenpapier) inklusive Sleevenotes. Schwarze CD im Vinyl-Look mit tastbaren »Schallplatten-Rillen«.

Erhältlich bei www.atemwerft.de

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